Studien zu bariatrischen Operationen

SOS-Studie

Die Swedish Obesity Subjects (SOS) Studie ist eine der wenigen europäischen Langzeitstudien. Die Probanden wurden 2, 10, 15 und 20 Jahre nach ihrer bariatrischen Operation untersucht.

In den ersten 2 Jahren nach der Operation waren 72 Prozent der Probanden diabetesfrei. Nach 15 Jahren waren es noch 30 Prozent und nach 20 Jahren nur noch 18 Prozent. Das Risiko von Spätschäden, die durch Diabetes entstehen, konnte um 54 Prozent gesenkt werden. Es konnte auch festgestellt werden, dass, je länger ein Patient vor der Operation an Diabetes erkrankt ist, desto geringer ist die Chance, längerfristig diabetesfrei zu bleiben oder wieder steigende Blutzuckerwerte in Kauf nehmen zu müssen. Insbesondere Nicht- oder Prädiabetiker profitieren von der Operation, da diese auf den Diabetes einen präventiven Einfluss zu haben scheint.

Das kardiovaskuläre Risiko (Herzinfarkte und Schlaganfälle) konnte durch die bariatrische Operation halbiert werden.

Der Magenbypass wurde als effektivste Methode identifiziert.

Nach 2 Jahren konnte eine Gewichtsreduzierung – je nach Eingriff – von 32 bis 20 Prozent beobachtet werden. Dabei konnten Probanden mit einem Magenbypass am meisten Gewicht verlieren. Nach 10 Jahren beobachtete man noch eine Gewichtsreduzierung von 25 bis 14 Prozent.

  • Studienherkunft: Schweden | Sahlgrenska Universitätsklinik Göteborg
  • untersuchtes Operationsverfahren:
  • Quelle: Sjöström, Lars et al.: Effects of Bariatric Surgery on Mortality in Swedish Obesity Subjects. In: The New England Journal of Medicine, 2007, 357: S. 741 – 752.

Operations- und postoperative Risiken

Einklemmung des Dünndarms

Durch den großen Gewichtsverlust und damit den Verlust an Fettgewebe können Dünndarmverschlingungen entstehen. Diese treten allerdings sehr selten auf. Das Risiko liegt bei einem Magenbypass höher. Bei ca. 10 Prozent der Operierten tritt eine Einklemmung des Darms auf, bei 1 bis 2 Prozent eine Einklemmung mit Darmverschluss.

  • Quelle: Heidemanns, S. et al.: Petersen-Hernie – Eine schwerwiegende Komplikation nach Roux-en-Y-Magenbypass-Operationen. In: Fortschritte auf dem Gebiet der Röntgenstrahlen und bildgebenden Verfahren, 2015, 187: 1126 – 1127.

Weitere Komplikationen

Beteiligt waren 304 Probanden (56 Prozent Schlauchmagen, 44 Prozent Magenbypass). 18 Probanden erlitten eine postoperative Komplikation wie Anastomoseinsuffizienz (6 Probanden), Nachblutungen (7 Probanden), Wundinfektionen (3 Probanden), Lungenembolie (1 Proband) und Abszesse im Oberbauch (1 Proband).

  • Studienherkunft: Deutschland | unt. Universitätskliniken und Krankenhäuser in Deutschland
  • untersuchtes Operationsverfahren: Schlauchmagen, Roux-en-Y Magenbypass
  • Quelle: Busch, P. C. et al.: OPTIMIZE – die deutsche SOS-Studie. In: Zeitschrift für Gastroenterologie, 2014, 52, Online-Ausgabe. (DOI: 10.1055/s-0034-1386463)

Postoperative Körperzusammensetzung

Bei 173 Probanden (127 mit Magenbypass, 46 Schlauchmagen) wurde 1 Jahr nach der OP festgestellt, dass diejenigen Probanden mit einem Magenbypass deutlicher hinsichtlich der Körperzusammensetzung profitierten. Im Durchschnitt verloren die Magenbypässler  63 Prozent ihres Übergewichts und die Probanden mit einem Schlauchmagen 52 Prozent. Das Körperfett konnte bei den Magenbypässlern von 46 Prozent auf 30 Prozent gesenkt werden, wohingegen die Schlauchagenoperierten dieses von 49 Prozent auf 37 Prozent reduzieren konnten. Schlauchmagenoperierte verloren mehr Magermasse – das ist die fettfreie Körpermasse – (von durchschnittlich 83,5 kg auf 69 kg) als Magenbypässler (von durchschnittlich 71 kg auf 62 kg).

  • Studienherkunft: Deutschland | unt. Universitätskliniken
  • untersuchtes Operationsverfahren: Schlauchmagen, Roux-en-Y Magenbypass
  • Quelle: Elrefai, M. et al.: Unterschiede der Veränderungen der Körperzusammensetzung im ersten Jahr nach Magenbypass oder Sleeve- Gastrektomie. In: Zeitschrift für Gastroenterologie, 2014, 52, Online-Ausgabe. (DOI: 10.1055/s-0034-1386464)

Diabetes

Remissionsraten Typ 2 Diabetes Magenbypass vs. Magenband

Nach 1 Jahr hatten 71 Prozent und nach 3 Jahren 69 Prozent der Magenbypässler keinen Diabetes mehr, wohingegen nach 1 und nach 3 Jahren 30 Prozent der Magenbandoperierten keinen Diabetes mehr aufwiesen. Die Autoren nehmen an, dass der durch den höheren Gewichtsverlust verbesserte Glukosestoffwechsel nach einer Magenbypassoperation verantwortlich sein könnte.

  • Studienherkunft: Deutschland | k. A.
  • untersuchtes Operationsverfahren: Roux-en-Y Magenbypass, Magenband
  • Quelle: Purnell, J. Q. et al.: Type 2 Diabetes Remission Rates After Laparoscopic Gastric Bypass and Gastric Banding: Results of the Longitudinal Assessment of Bariatric Surgery Study. In: Diabetes Care, 2016, 39: 1101 – 1107.

Rückfallrisiko Typ 2 Diabetes mellitus nach bariatrischer Operation

Bei 21 Prozent der Probanden trat der Typ 2 Diabetes drei bis fünf Jahre nach der Magenbypass-Operation wieder auf – hauptsächlich bei Patienten, die vor der Operation schon sehr lange an Typ 2 Diabetes erkrankt waren (mehr als fünf Jahre). Diese Patienten mussten wieder auf Diabetes-Medikamente eingestellt werden.

  • Studienherkunft: USA | Mayo Clinic Scottsdale Arizona
  • untersuchtes Operationsverfahren: Roux-en-Y Magenbypass
  • Quelle: Ramos, Y. et al.: Type 2 Diabetes Mellitus Re-Emergence Post Gastric Bypass Surgery. ENDO News Conferences, Poster Session: Diabetes & Clinical Care, 23. Juni 2012.

Vergleich Magenbypass oder Lebensstiländerung

Untersucht wurde, ob eine bariatrische Operation oder eine intensive Lebensstiländerung zu besseren Remissionsraten bei Diabetes Typ 2 führt. Lebensstilverändernde Probanden mussten an 5 Tagen in der Woche über 45 Minuten lang Sport treiben und nahmen an einer Verhaltenstherapie teil. Nach 1 Jahr konnte ein Gewichtsverlust von 26 Prozent bei den Operierten und 7 Prozent bei den Probanden beobachtet werden, die ihren Lebensstil veränderten. Bei 60 Prozent der Operierten konnte der Diabetes zurückgedrängt werden, 6 Prozent waren es bei den lebensstilverändernden Probanden. Die operierten Probanden benötigten weniger Medikamente gegen den Diabetes und andere Begleiterkrankungen. Weiterhin konnte bei den operierten Probanden festgestellt werden, dass das HDL-Cholesterin zunahm und der Blutdruck sank.

  • Studienherkunft: Deutschland
  • untersuchtes Operationsverfahren: k. A.
  • Quelle: Cummings, D. E. et al.: Gastric bypass surgery vs. intensive lifestyle and medical intervention for type 2 diabetes. In: Diabetologia, 2016, 59: 945 – 953.

Vergleich Magenbypass oder Antidiabetika

Untersucht wurden 150 Patienten mit Adipositas und Diabetes Typ 2. Ca. die Hälfte von ihnen war bereits insulinpflichtig. Es wurden drei Probandengruppen gebildet. Gruppe 1 (1/3 der Patienten) erhielt eine medikamentöse Therapie und eine Lebensstilmodifikation. Gruppe 2 (1/3 der Patienten) erhielt einen Magenbypass und Gruppe 3 (1/3 der Patienten) einen Schlauchmagen. Ziel war es, einen bestimmten Langzeitzuckerwert zu erreichen. Entsprechend musste die medikamentöse Einstellung in Gruppe 1 stets angepasst werden.

3 Jahre nach der Operation erreichten 38 Prozent der Magenbypässler, 24 Prozent der Schlauchmagenoperierten und 6 Prozent der medikamentös eingestellten Patienten die Erreichung des Zielwertes des Langzeitzuckerwertes. 49 Prozent der Magenbypässler und 43 Prozent der Schlauchmagenoperierten kamen ohne Diabetesmedikation aus.

  • Studienherkunft: USA | Cleveland Clinic
  • untersuchtes Operationsverfahren: Magenbypass, Schlauchmagen
  • Quelle: Cleveland Clinic: Final stampede results. Glycemic benefits of bariatric surgery persist over time: glycemic control, weight loss endure out to five years. www.sciencedaily.com/releases/2016/04/160404152903.htm

Neuropathien

Eine Studie untersuchte die Häufigkeit peripherer Neuropathien bei Patienten nach bariatrischen Eingriffen. 16 Prozent entwickelten eine postoperative Neuropathie (17 von 435 Patienten) im Vergleich zu nur 3 Prozent (4 von 126 Patienten) in der Kontrollgruppe.

Es wurden 27 primär sensible Polyneuropathien, 39 Mononeuropathien (davon 31 mit Karpaltunnelsyndrom) und 5 Fälle einer lumbosakralen oder zervikalen Radikulo-Plexo-Neuropathie klinische diagnostiziert.

Als Risikofaktoren konnten identifiziert werden:

  • starker und schneller Gewichtsverlust
  • persistierende gastrointestinale Symptome wie Übelkeit oder Erbrechen, die länger als 3 Monate anhalten
  • fehlende postoperative Ernährungsberatung
  • niedrige postoperative Serumalbumin- und Transferrin-Konzentrationen

Die Autoren vermuten ernährungsbedingte Mangelzustände als Hauptursache für die Entwicklung von postoperativen Polyneuropathien.

  • Studienherkunft: USA | Mayo Clinic and Mayo Foundation Rochester
  • untersuchtes Operationsverfahren: Magenbypass, vertikale Gastroplastik, jejunoilealer Bypass
  • Quelle: Thaisetthawatkul, P et al.: A Controlled Study of Peripheral Neuropathy after Bariatric Surgery, In: Neurology, 2004, 63(8): 1462 – 1470. (DOI: 10.​1212/​01.​WNL.​0000142038.​43946.06)

Psyche

Postoperative Entwicklung psychischer Merkmale

Hungergefühl, Essanfälle und Störbarkeit des Essverhaltens durch äußere Einflüsse (z. B. Stress) nehmen in den ersten 4 Jahren nach der bariatrischen Operation signifikant ab. 39 Prozent der Probanden entwickelten allerdings das sog. ‚Grazing‘ (Grasen). Das bedeutet, man isst über den Tag verteilt viele kleine Portionen.

Es konnten keine gesicherten Vorhersagewerte für einen guten oder weniger guten Gewichtsverlust identifiziert werden. Als signifikant wurde allein das Essverhalten nach der Operation identifiziert. Zeigte sich auch postoperativ ein eher problematisches Essverhalten, nahm der Proband weniger ab.

34 Probanden erfüllten vor der Operation die Kriterien einer schweren Depression, wohingegen es 4 Jahre nach der Operation nur noch 17 Probanden waren. Es stellte sich heraus, dass, je psychisch belasteter der Proband nach 4 Jahren war, desto weniger hatte dieser auch abgenommen.

Aufgrund dieser Erkenntnis wurden Interventionen an verschiedenen Kliniken getestet, wobei PatientInnen nach der Operation 1 Jahr lang Techniken wie Selbstfürsorge, Entspannung, Bewegung und Rückfallprophylaxe vermittelt wurden. Probanden mit schweren Depressionen profitierten von den Interventionen deutlich, die Depressivität verbesserte sich.

  • Studienherkunft: Deutschland | Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Universitätsklinik Tübingen)
  • untersuchtes Operationsverfahren: Schlauchmagen
  • Quelle: Vortrag anlässl. Deutscher Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, März 2015.

Häufung psychiatrischer Erkrankungen nach bariatrischer Operation

Das Risiko für psychiatrische Erkrankungen nimmt nach einer bariatrischen Operation signifikant zu, darunter u. a. Selbstverletzungen, Drogenmissbrauch und Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen. Über Gründe wird in der Studie nicht spekuliert. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass beispielsweise die Möglichkeit des Frustabbaus durch Essen nach einer Operation unmöglich geworden ist und keine Alternativstrategie erworben worden ist.

  • Studienherkunft: Dänemark | Aalborg University Hospital & Aalborg University
  • untersuchtes Operationsverfahren: k. A.
  • Quelle: Kovacs, Z. et al.: Risk of Psychiatric Disorders, Self-Harm Behaviour and Service Use Associated with Bariatric Surgery. In: Acta Psychiatrica Scandinavica, 2017, 135: 149 – 158.

Ernährung

Lebensmittelintoleranzen

1 von 7 Schlauchmagenoperierten und 2 von 8 Magenbypässlern entwickelten eine Laktoseintoleranz. Eine Fruktoseintoleranz wurde von keinem Magenbypässler und von 1 von 7 Schlauchmagenoperierten entwickelt. Da diese Ergebnisse mit sehr wenig Probanden entstanden sind, kann nicht von einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Lebensmittelintoleranzen gesprochen werden.

  • Studienherkunft: Deutschland | Exzellenzzentrum für Adipositas- und metabolische Chirurgie Sachsenhausen u. a.
  • untersuchtes Operationsverfahren: Magenbypass, Schlauchmagen
  • Quelle: Ühlein, I. et al.: Änderung der Geschmackswahrnehmung und Entwicklung von Lebensmittelintoleranzen bei adipösen Patienten nach bariatrischen Eingriffen. In: Aktuelle Ernährungsmedizin, 2014, 39: Online-Ausgabe. (DOI: 10.1055/s-0034-1375887)

Geruchs- und Geschmacksveränderungen

Fast alle Probanden nahmen einen Unterschied im Appetit wahr, 2/3 der Probanden einen Unterschied im Geschmack und fast die Hälfte auch im Geruch von Lebensmitteln. 2/3 der Probanden gaben zudem an, dass sich der Geschmack von Fleisch, Fisch, Fast Food, Schokolade, fetthaltigen Lebensmitteln, Nudeln und Reis verändert habe. Probanden mit Aversionen gegen bestimmte Lebensmittel konnten deutlich mehr abnehmen.

  • Studienherkunft: Großbritannien | Leicester Royal Infirmary – Department of Surgery
  • untersuchtes Operationsverfahren: Magenbypass
  • Quelle: Graham, L. et al.: Taste, Smell and Appetite Change after Roux-en-Gastric Bypass Surgery. In: Obesity Surgery, 2014, 24:1463 – 1468. (DOI: 10.1007/s11695-014-1221-2)

Untersucht wurden 154 Probanden mit Magenbypass und Schlauchmagen. Fast alle Probanden bemerkten eine Veränderung bei Geschmack und Geruch. Probanden mit Aversionen gegen Lebensmittel nahmen mehr Gewicht ab. Geschmacksveränderungen wurden signifikant für Fetthaltiges, Süßes und Fleisch berichtet.

  • Studienherkunft: Mexico | Hospital General Tláhuac Mexico City u. a.
  • untersuchtes Operationsverfahren: Magenbypass, Schlauchmagen
  • Quelle: Zerrweck, Carlos et al.: Taste and Olfactory Changes Following Laparoscopic Gastric Bypass ans Sleeve Gastrectomy. In: Obesity Surgery, 2016, 26:1296 – 1302. (DOI: 10.1007/s11695-015-1944-8)

Veränderungen im Appetit

Bei den Probanden wurde signifikant weniger Verlangen nach Fast Food und süßen Lebensmitteln festgestellt. Auch bei Affektregulierungen wurde weniger Süßes durch verbessertes Kontrollverhalten verzehrt. Emotionen und externe Umweltreize (z. B. Stress) hatten postoperativ weniger Einfluss auf die Auswahl von bestimmten Lebensmitteln.

  • Studienherkunft: USA | Center for Human Nutrition and Atkins Center of Excellence in Obesity Medicine Washington University School of Medicine St. Louis
  • untersuchtes Operationsverfahren: Magenbypass, Magenband
  • Quelle: Pepino, Marta Yanina et al.: Changes in Taste Perception and Eating Behavior after Bariatric Surgery Induced Weight Loss in Women. In: Obesity, 2014, 22(5):13 – 20. (DOI: 10.1002/oby.20649)

Veränderungern in der Geschmacksintensität

Die Geschmacksintensität von süßen und salzigen Lebensmitteln sinkt signifikant, d. h., fast alle Probanden gaben an, dass Lebensmittel generell süßer oder salziger schmecken als vor ihrer Operation.

  • Studienherkunft: USA | Ohio State University – Division of Medical Dietetics
  • untersuchtes Operationsverfahren: Magenbypass
  • Quelle: Burge, Jean C. et al.: Changes in Patients‘ Taste Acuity after Roux-en-Y Gastric Bypass for Clinically Severe Obesity. In: Journal of the American Dietetic Association, 1995, 95:666-670. (DOI: 10.1016/S0002-8223(95)00182-4)