Stigmatisierung operativer Verfahren zur Gewichtsreduktion

vom: Veröffentlicht in News, Adipositas

Adipositaschirurgie ist bei vielen Patienten nach langjährigen erfolglosen Versuchen der Gewichtsreduktion oder -stabilisierung eine sinnvolle Therapieoption. Patienten, die aufgrund des Schweregrades der Adipositas und aufgrund von Begleiterkrankungen wie Diabetes für die operative Therapie infrage kommen und die Anzahl der tatsächlich durchgeführten Operationen liegen weit auseinander. Von 100.000 adipösen Erwachsenen mit OP-Indikation werden lediglich 10,5 Patienten operiert.

Oftmals wird dies mit einer Versorgungslücke und dem restriktiven Verhalten der Kostenträger (Krankenkassen) erklärt. Doch vorwiegend das Zuweisungsverhalten und damit die Stigmatisierung von adipösen Patienten und fehlendes Wissen auf Seiten der Haus- und Fachärzte sind verantwortlich dafür, dass auch eine chirurgische Lösung in Betracht gezogen wird.

Eine neuere Studie zeigt, dass von 300 befragten Ärzten in Dänemark 74 Prozent der Meinung waren, die primäre Behandlungsmethode für Adipositas Grad III sei eine Lebensstilintervention, nur 9 Prozent sahen eine leitlinienkonforme operative Therapie als primäre Methode an. Einige weitere Studien belegen, dass konservative Methoden zur Gewichtsreduktion viermal häufiger verschrieben werden.

Erst wenn Patienten direkt nachfragen und um eine Überweisung in ein Adipositaszentrum oder zum Adipositaschirurgen bitten, erhöht sich zwar die Zuweisungsrate der Haus- und Fachärzte zum Chirurgen geringfügig. Allerdings werden laut einer Studie nur 18,5 Prozent der Patienten an einen Chirurgen überwiesen, die auch darum bitten.

Positiv auf das Zuweisungsverhalten der Hausärzte wirkt sich nicht nur die eigene Expertise bzgl. der Adipositaschirurgie aus, sondern auch die Anzahl der Patienten mit einer Adipositas Grad III, die vom zuweisenden Arzt behandelt werden.

Scheinbar gibt es ein operationsbezogenes Stigma, welches das Empfehlungs- und Überweisungsverhalten als Teil der ambulanten Versorgung beeinträchtigt. In einer Studie gaben 43,3 Prozent von adipösen Patienten in der präoperativen Phase an, sich von medizinischem Personal aufgrund des Übergewichts unangemessen behandelt gefühlt zu haben, bei adipösen Patienten ohne OP-Wunsch sind es 21,6 Prozent. Die Befragung von 201 Hausärzten ergab, dass ein Drittel der Befragten Adipositaschirurgie als eine – im Gegensatz zu konservativen Methoden – zu unkomplizierte Lösung für eine Gewichtsreduktion ansehen. Der Patient sei daran nicht aktiv beteiligt, hieß es.

Besonders fraglich ist eine derartige operationsbezogene Stigmatisierung deshalb, da gerade in Deutschland Hausärzte die erste Anlaufstelle für Adipositaspatienten sind und daher viele Patienten mit Indikation für eine Operation durch ein weiteres Martyrium konserverativer Maßnahmen geschickt werden, wobei sich währenddessen Begleiterkrankungen verschlimmern können. Frühzeitigere operative Intervention könnte auch dies verhindern.

Quelle: Vgl. Jung, F. U. et al.: Zuweisungsverhalten der Hausärzte bei Patienten mit Adipositas. In: Chirurg, 2018 (DOI: https://doi.org/10.1007/s00104-018-0616-3)